top of page

Trude, eine weitere Geschichte der  Demenz.

Jetzt gehe ich hin zu ihr, regelmäßig, aber nicht mehr mit der belastenden Pflicht – nein, gerne sogar, und ich freue mich so richtig auf die Frau namens Trude. Trude ist zur Freundin geworden, ein liebgewonnener Mensch ist sie jetzt in meinem Leben und sie mag mich. Das Gefühl bestätigt sich immer, wenn ich sie besuchen gehe, in dem Heim, wo sie nun schon einige Jahre lebt. Inzwischen lebt sie dort gerne, macht Ferien im Hotel, zumindest sieht sie die Pflegekräfte als ihr persönliches Servicepersonal an und gibt Trinkgelder an die Zimmermädchen oder die Küchenfrauen. Ja, es ist gut so, denn in ihrem Leben war sie das gewohnt und als Geschäftsfrau oft unterwegs und im Hotel. Distanziert und höflich, freundlich ja, aber nicht freundschaftlich und immer in Klarstellung ihrer Position war es Wertschätzung, die sie gab, wenn die Welt um sie so funktionierte, wie es ihr entsprach und gefallen hat. Trude, das hätte ich mich nie zu sagen gewagt, nicht im Ansatz, aber heute ist es genau Trude, die ich knuddeln, verstehen und lieben kann.

Aufgewachsen in einer geschäftlichen Familienstruktur hatte ich Kindermädchen und durfte schon frühkindlich eine schöne Privatschule besuchen. Es wurde immer für mich gesorgt, ich hatte alles, was auf meinem Wunschzettel stand auch bekommen. Ich war wichtig als Tochter, ich stand in Wertschätzung meiner Eltern und eigentlich kann und konnte ich mich nicht beklagen. Gut, die Momente der Wärme, einfach mal gehalten oder gar liebkost zu werden, gab es nicht, aber für mich war es eben Bestand und ich kannte es auch nicht anders.Das Leben zeigte mir dann sehr Vieles auf und ich fand die Liebe, die Wärme und die Schönheit in meiner eigenen Familie. Kinder, inzwischen Enkelkinder, und eine wahre Herzlichkeit kann ich leben und bin so dankbar. Selbstverständlich, und auch in dieser großen Dankbarkeit war es für mich selbstverständlich jede Woche ein bis zweimal die vielen Kilometer zu meinen Eltern zu fahren, um ihnen gut zu tun. Ja, ich übernahm die Einkäufe, organisierte die Ausflüge, Familientreffen und war jede Minute meiner Anwesenheit für meine Eltern da. Eine traurige und schwere Zeit brach herein – ich wurde selbst krank und konnte nicht mehr so oft zu meinen Eltern fahren, überhaupt durften sie nicht erfahren, wie schwer krank ich war. Die Entfernung war jetzt günstig und es folgten dann sehr viele Telefonate als Ersatz.

Die Telefonate, immer mit der Mutter am anderen Ende, verliefen mehr und mehr seltsam. Sie erzählte Dinge, die ich so gar nicht nachvollziehen konnte. Es kam nun auch öfters vor, dass sie mich angerufen hat und sich über meinen fehlenden Anruf beschwert hatte. Ich war wirklich wütend, denn ich hatte oft schon am Tag dreimal mit ihr telefoniert und legte erst kurz vor ihrem Anruf auf. Was soll das denn? Als es mir wieder besser ging, fuhr ich wieder meine Wegstrecke und kam wieder regelmäßig zu Besuch. Der Vater, leider zunehmend schwer erkrankt. Sein hohes Alter zeigte sich nun in all den Einschränkungen, aber ich durfte ihm nah sein, mit ihm sein Leben reflektieren und ihn bis in den Tod begleiten. Traurig aber schön, denn ich durfte ihm bis zu den letzten Tagen nie so nahe sein. Meine Mutter jedoch, puuhhh, sie forderte immer mehr, ich sollte ihrer Meinung nach immer verfügbar sein, und ihre Ansprüche wurden zunehmend höher. Mit den Ansprüchen erhöhte sich auch die Zahl der Vorwürfe gegen mich. Einkaufen, Friedhof, wieder einkaufen?  Immer Schuhe? Dann die Anrufe wenn ich zuhause ankam, erschöpft. Sie am anderen Ende fragte, wann ich nun komme? Ich war doch eben bei ihr und sie hat mich weggeschickt, verdammt, ich bin wütend! Ich lege auf und sage zu meinem Mann, rede Du mit ihr. Zu ihm ist sie freundlich, möchte nichts und beteuert, alles noch gut und selbstständig zu meistern. Warum zu ihm so und zu mir so streng und vorwurfsvoll?  Für mich kommen die Kindheitserinnerungen in den Fokus – sie liebte mich nie, schon damals nicht.

Nachbarn riefen an, die Eigentümergemeinschaft, Handwerker und letztlich ihr Arzt – Mutter muss in ein Altersheim, möglichst in den beschützten Bereich, da sie an Demenz erkrankt ist und inzwischen nicht mehr ihr Zuhause findet. Ein Schlag! Meine Mutter in ein Heim, wie sollen wir ihr das beibringen, wie soll sie, die Geschäftsfrau, dies verstehen? Es war ein Prozess, der endlos schien und mich fast um den Verstand brachte. Tränen, Wut, Mitleid, Trauer- alles war in meiner Seele zuhause. Erst den Vater verloren und jetzt die Mutter im Heim! Demenz, naja, vielleicht ein bisschen, sie weiß doch noch so viel. So besuchte ich meine Mutter nun regelmäßig im Heim und ging mit ihr nach wie vor einkaufen, zum Friedhof, in die Stadt. Sie freute sich, wenn ich kam, und stellte mich auch stolz den anderen Heimbewohnern als ihre Tochter vor. Das machte mich irgendwie dann doch stolz und ich tat mein Werk. Zum Lachen gab es reichlich, denn meine Mutter hatte Sprüche drauf, wie ich sie so nicht kannte. Aber es war auch sehr anstrengend, da sie die unmöglichsten Ideen hatte, was wir jetzt sofort tun sollten. Die Anrufe, kaum war ich zurück, wann ich wieder komme oder warum ich noch nicht da war, waren schon normal.

Der Abend, als sie mich anrief und mir voller Angst erzählte, sie wäre eingesperrt und brauche Hilfe, forderte von mir wieder Ideenreichtum und eine gute Kommunikation, um ihr die Angst zu nehmen. Ich versuchte es wieder mit erklärender Vernunft, bis - ich war geschockt, meine Mutter zu mir sagte: „Du kannst mich am A….   „ und auflegte. Tränen flossen über mein Gesicht, Wut und Trauer waren in mir- ich war aufgelöst und so sehr, so sehr getroffen. Meine Mutter sagt sowas zu mir, zu mir, ausgerechnet zu mir?! Ich hatte niemals im Leben einen Kraftausdruck von ihr gehört, niemals! Ich gehe nicht mehr zu ihr! Aus!

Ich ging wieder, alles schien normal. Sie freute sich auf ihre Art und fragte, ob ich ihr Geld mitgebracht habe für das Personal. Sie war schon startklar für den Einkauf, Schuhe brauche sie und auf den Friedhof müsse sie – dann ging die Tür auf und Erna kam ins Zimmer. Erna, eine Mitbewohnerin und liebgewordene Freundin meiner Mutter, wurde überschwänglich begrüßt, geküsst und umarmt, wie ich mir es immer gewünscht hatte. Ich war für meine Mutter nun nicht mehr wichtig und sie fragte nur noch ob ich ihr ein Geld dagelassen habe. Ich könnte ruhig gehen. Ich war kalkweiß, zitternd und Tränen flossen mir über die Wangen. Voller Zorn ging ich auch. Der Vorsatz in mir war, die Besuche zu reduzieren, sie hat ja Erna und ich bin nichts mehr wert. Wieder war mir klar, diese Frau hat mich nie geliebt, noch nie.

Eine Frau dort im Heim, ja das war ein Lösungsansatz. Mutter, gar Mama zu sagen, ich konnte es nicht mehr. Eine Frau, das war ein Weg, denn einer Frau kann ich Mitleid und Verständnis entgegenbringen. Die Frau durfte mich dann auch beschimpfen, wegschicken … so könnte es gehen. Beim nächsten Besuch, es war so bitter, war aber nicht die Frau mir gegenüber, nein, es war wieder meine Mutter, so hilflos. Wie halte ich das aus, wie gehe ich damit um?!

Ich besuchte einen Freund und erzählte ihm von meiner Tragödie. Er hörte zu und sagte spontan, „Mach Dir Deine ehemalige Mutter zur Freundin. Verabschiede Dich von ihr als Mutter und von Dir selbst als Tochter und werde wie Erna“.

 

Puhh, ich hatte große Bedenken wie ich dies wohl meistern soll, meine Mutter ist doch meine Mutter und ich kann sie doch nicht, wie von ihm empfohlen, mit Vornamen und als Freundin ansprechen?! Doch irgendwie schien es mir plausibel und ich wagte den Versuch. Wieder im Heim angekommen, öffnete ich die Zimmertür meiner Mutter, trat ein und begrüßte sie mit ihrem Vornamen. Sie schaute erst verdutzt und nannte mich dann ebenfalls beim Vornamen, oh meine Hildegart, schön dass Du kommst. Hast Du Geld dabei, fragte sie mich auch gleich wieder, aber ich konnte irgendwie gelöster sagen, ja Trude, hab ich. Schau hier sind 20 Euro für Dein  Personal, damit Du Trinkgeld geben kannst. Wir gingen in das naheliegende Café und redeten über alles Mögliche, entspannt. Magst noch einen Kuchen Trude, fragte ich schon noch zögerlich, sie erwiderte aber kräftig, ja. Dann schimpfte sie wieder über das Personal und das Wetter und über alles, über was man so schimpfen kann, aber sie schimpfte mir davon erzählend. Es ging mich persönlich plötzlich nichts mehr an, nein ich schimpfte sogar mit. Wir liefen zurück, sie hängte sich bei mir ein – das habe ich bisher nur gesehen, wenn sie mit ihrer Freundin Erna lief. Angekommen, fragte sie, „Du gehst aber nicht schon?“ Ich erklärte ihr, dass ich zu meiner eigenen Familie muss. Sie fragte mich plötzlich, wie geht es den Kindern? Ich wusste jetzt nicht, ob sie meine Kinder, oder ihre Kinder, also mich, meinte. Ich antwortete ihr, sehr gut, Trude, es sind alle wohl auf. Dann lief sie auf mich zu, hielt meine Wangen, mir liefen die Tränen nur so herunter und sagte zärtlich, grüße mir alle und komm bald wieder.

Noch den ganzen Weg nach Hause habe ich geweint und war so frei. Ich hatte meine Mutter verloren, mitten im Leben, aber ich habe eine Freundin dazugewonnen, welche ich nun begleiten darf bis an ihr Ende.

 

Michael Wissussek, Juni 2018

bottom of page